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Nachhaltigkeit und faktorbasiertes Investieren: Ein Widerspruch? Ganz im Gegenteil.

Ein Gastbeitrag von Allianz Global Investors

Published by investESG on 2026-10-16
Photo credit: Allianz Global Investors GmbH
links: Patrick Voßkamp, CFA, Head of Portfolio Management Systematic Equity & Sustainable Investments – rechts: Finn Warncke, CESGA, Business Developer Institutional Clients Austria & Germany
Nachhaltiges Investieren hat sich in den vergangenen Jahren von einer Nischenlösung zu einem festen Bestandteil institutioneller Portfolios entwickelt. Gleichzeitig gewinnen systematische Anlagestrategien zunehmend an Bedeutung. Damit stellt sich für viele Investoren eine zentrale Frage: Lassen sich Nachhaltigkeitsziele und faktorbasiertes Investieren miteinander verbinden, ohne dabei Kompromisse bei Rendite, Diversifikation und Risikosteuerung einzugehen?
Das klingt zunächst selbstverständlich, ist in der Praxis jedoch anspruchsvoll. Denn nachhaltige Kapitalanlagen sollen heute nicht nur ökologische und soziale Aspekte sowie eine verantwortungsvolle Unternehmensführung berücksichtigen. Sie müssen gleichzeitig dieselben Anforderungen erfüllen wie jedes andere institutionelle Portfolio: eine breite Diversifikation, transparente Prozesse, kontrollierte Risiken und attraktive langfristige Renditeperspektiven.
Genau an dieser Schnittstelle treffen Nachhaltigkeit und faktorbasiertes Investieren aufeinander.

Was sind Faktoren – und welchen Mehrwert bietet ein systematischer Ansatz?

Faktorbasiertes Investieren zielt darauf ab, langfristig beobachtbare Renditequellen des Aktienmarktes systematisch zu erschließen. Grundlage sind Merkmale von Unternehmen und Aktien, für die sich in der wissenschaftlichen Forschung und in der Praxis über längere Zeiträume systematische Renditeunterschiede beobachten lassen. Zu den bekanntesten Faktoren zählen beispielsweise Value, Trend und Qualität.
Systematische Anlagestrategien nutzen diese Erkenntnisse, um die mit den Faktoren verbundenen Prämien diszipliniert und regelbasiert zu erschließen. Dabei geht es nicht darum, kurzfristige Marktbewegungen vorherzusagen oder einzelne Gewinneraktien zu identifizieren. Vielmehr werden große Aktienuniversen anhand objektiver Kriterien analysiert und systematisch bewertet.
Der systematische Ansatz schafft dabei einen transparenten und reproduzierbaren Investmentprozess. Anlageentscheidungen werden weniger von kurzfristigen Marktmeinungen oder Emotionen bestimmt, sondern folgen klar definierten Regeln.
Allerdings entwickeln sich Faktorprämien nicht gleichmäßig und nicht unabhängig von der jeweiligen Marktphase. Ein Faktor, der in einem bestimmten Umfeld gut funktioniert, kann in einem anderen über längere Zeit hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben. Multi-Faktor-Ansätze setzen deshalb bewusst auf die Kombination und Diversifikation unterschiedlicher Renditequellen.

Nachhaltigkeit und faktorbasiertes Investieren: stärker verbunden als gedacht

Unseren Analysen zufolge kann die Verfolgung nachhaltiger Ziele das Faktorprofil von Portfolios beeinflussen. So weisen nachhaltige Portfolios je nach Ausgestaltung häufig eine potenziell unausgewogene Nähe zum Qualitätsfaktor auf. Ursache hierfür kann unter anderem sein, dass Unternehmen mit hoher Profitabilität und soliden Bilanzen bei bestimmten Nachhaltigkeitsbewertungen tendenziell besser abschneiden. Auch strukturelle Unterschiede zwischen Branchen und Geschäftsmodellen können dazu beitragen, dass Nachhaltigkeitsstrategien bestimmte Faktormerkmale stärker oder schwächer gewichten.
Solche impliziten Faktor-Exposures sind nicht per se problematisch. Sie sollten jedoch erkannt und bewusst gesteuert werden, da sie je nach Marktumfeld einen wesentlichen Einfluss auf die Wertentwicklung und das Risikoprofil eines Portfolios haben können.
Genau hier kann ein systematischer Faktoransatz einen Mehrwert bieten: Faktor-Exposures werden transparent gemacht und können gezielt gesteuert werden, sodass Nachhaltigkeitsziele mit einem robusten und diversifizierten Faktormix verbunden werden können.
Die Beziehung wirkt jedoch auch in die andere Richtung. Nachhaltigkeitsinformationen können eine zusätzliche Perspektive auf Risiken eröffnen, die durch traditionelle Finanzkennzahlen allein nicht immer vollständig erfasst werden. Ein Unternehmen kann beispielsweise finanziell attraktiv bewertet erscheinen, während gleichzeitig strukturelle Nachhaltigkeitsrisiken bestehen, die langfristig die Ertragskraft oder den Unternehmenswert beeinträchtigen können.
Nachhaltigkeit ist damit nicht lediglich eine zusätzliche Restriktion für ein Faktorportfolio. Richtig eingesetzt kann sie vielmehr eine zusätzliche Informationsquelle für die Beurteilung von Risiken sein.

Brücken bauen zwischen Nachhaltigkeit und Faktorprämien

Aus unserer Sicht beginnt ein durchdachter Nachhaltigkeitsansatz mit klar definierten Ausschlüssen kontroverser Geschäftsfelder und Verletzungen internationaler Normen. Zudem können Nachhaltigkeitsratings dabei helfen, Unternehmen innerhalb ihrer jeweiligen Wettbewerbsgruppen zu bewerten und Nachhaltigkeitsnachzügler zu identifizieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Nachhaltigkeitsdaten und -bewertungen je nach Anbieter und Methodik unterschiedlich ausfallen können. Ein systematischer Investmentprozess kann dazu beitragen, diese Informationen konsistent und nachvollziehbar in die Anlageentscheidung einzubeziehen.
Entscheidend ist jedoch, Nachhaltigkeit nicht bei der Definition des Anlageuniversums enden zu lassen, sondern sie auch in die Portfoliokonstruktion zu integrieren. Genau hierin liegt eine wesentliche Stärke nachhaltiger Multi-Faktor-Strategien: Neben Ausschlüssen und der Identifikation von Nachhaltigkeitsnachzüglern können Portfolios gezielt in Richtung von Unternehmen mit stärkeren Nachhaltigkeitsprofilen ausgerichtet und zusätzliche Nachhaltigkeitsziele, beispielsweise Klimakriterien, berücksichtigt werden.
Ein systematischer Ansatz ermöglicht es zudem, ein großes Anlageuniversum nach einer Vielzahl von Kriterien gleichzeitig zu analysieren. Dadurch können implizite Verzerrungen in der Portfoliokonstruktion frühzeitig erkannt und gesteuert werden – beispielsweise Konzentrationen auf bestimmte Regionen oder Sektoren oder Faktor-Exposures, die sich aus vereinfachten Nachhaltigkeitsansätzen ergeben können.
Gerade diese integrierte Betrachtung schafft einen entscheidenden Vorteil: Nachhaltigkeit wird nicht als zusätzliche Restriktion verstanden, die nachträglich mit einem bestehenden Investmentansatz in Einklang gebracht werden muss. Stattdessen wird sie zu einem integralen Bestandteil der Portfoliokonstruktion. So entsteht ein Portfolio, das Nachhaltigkeitsziele, Risikomanagement und unterschiedliche Renditequellen innerhalb eines konsistenten Investmentprozesses zusammenführt.
Da diese Entscheidungen regelbasiert innerhalb eines systematischen Investmentprozesses erfolgen, entsteht zudem ein hohes Maß an Transparenz und Nachvollziehbarkeit – ein wichtiger Aspekt für institutionelle Investoren, die neben den Nachhaltigkeitszielen auch die Auswirkungen auf Rendite, Risiko und Diversifikation nachvollziehen möchten.

Der Blick nach vorne

Nachhaltiges Investieren entwickelt sich kontinuierlich weiter. Gleichzeitig bleibt die Kernaufgabe institutioneller Kapitalanlagen unverändert: langfristig attraktive risikobereinigte Renditen zu erzielen.
Aus unserer Sicht wird die Zukunft nachhaltiger Aktienanlagen daher nicht durch immer strengere Ausschlusslisten geprägt, sondern durch Investmentprozesse, die Nachhaltigkeitsziele und finanzielle Zielsetzungen gemeinsam berücksichtigen. Nachhaltigkeit und faktorbasiertes Investieren sind dabei kein Gegensatz. Richtig umgesetzt können Nachhaltigkeitsinformationen das Verständnis von Risiken und Chancen erweitern, während Multi-Faktor-Ansätze eine disziplinierte, transparente und systematische Erschließung etablierter Faktorprämien ermöglichen.
Für langfristig orientierte Investoren liegt die Herausforderung daher nicht in der Entscheidung zwischen Nachhaltigkeit und Rendite, sondern darin, beide Ziele innerhalb eines konsistenten Investmentprozesses miteinander zu verbinden.
Published by investESG
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